Letztes Update: 1. November 2023, 10:04
Am spartanisch eingerichteten Bushof beim Bahnhof Martigny beginnen und enden fünf Regionallinien; nebst der Linie 311 sind dies drei kleinere Linien ohne Taktfahrplan, welche mehrheitlich über Bergstrassen kleine Dörfer hoch über der Ebene erschliessen, und eine weitere Tallinie nach Evionnaz, die in einer anderen Galerie beschrieben wird. Mangels Taktfahrplan sind selten Busse aller Linien am Bahnhof – hier wartet ein MAN/Beulas Spica auf die Fahrt nach Chemin, daneben ein Volvo 8700 mit Ziel Ravoire. Per Anfang 2019 werden inzwischen erstmals Niederflurfahrzeuge auf den Linien ab Martigny eingesetzt, in Form von zwei Volvo 8900LE in verkürzter Ausführung.
Wir beginnen mit der Fahrt nach Chemin, bis Ende 2021 bedient durch PU TMR, Martigny, und seither durch die Regie. Das zweigeteilte Bergdorf, das aus Chemin-Dessous (Gemeinde Martigny) und Chemin-Dessus (Gemeinde Vollèges) besteht, wird von Montag bis Samstag etwa zweistündlich, am Sonntag nur dreimal täglich bedient. Der hier üblicherweise eingesetzte Beulas-Midibus hat seinen 600-Meter-Aufstieg fast geschafft und soeben die Haltestelle Chemin-Dessus (welche am Sonntag Endstation der Linie ist) passiert, er fährt nun noch etwa 100 Höhenmeter weiter bis zur Endhaltestelle Sommet-du-Village, welche die höher gelegenen (Ferien-) häuser erschliesst.
Beide Dörfer liegen in Pendeldistanz zur Bezirkshauptstadt am Rhoneknie, und die im Wallis starke Bautätigkeit lässt sich natürlich auch hier beobachten; die Grenze zwischen Erst- und Zweiwohnungen ist, wenn man den Baureklamen glaubt, fliessend… Noch immer frei ist aber der Blick vom oberen Ortsausgang in Chemin-Dessous auf das alte Hotel Belvedere an seiner aussichtsreichen Lage, wo auch die Postauto-Haltestelle des Dorfes liegt.
Während in Chemin-Dessous ausser dem alten Hotel kaum ältere Gebäude zu erkennen sind, verfügt Chemin-Dessous inmitten der zersiedelten Einfamilienhaus-Landschaft noch über einen intakten Dorfkern, welcher wohl auch dank der „Umfahrungsstrasse“ überleben konnte; der Bus ist auf Talfahrt unterwegs zwischen dem erwähnten Dorfkern und einer der soeben überbauten Baulandparzellen des Dorfes.
Am Wochenende fährt der Bus ab Chemin auf Anmeldung weiter bis zum Col-des-Planches, welcher das Rhonetal mit dem Val-de-Bagnes verbindet (und somit eigentlich heute obsolet ist, existiert doch eine deutlich schnellere Verbindung über Martigny und den Talboden). Als Wanderausgangspunkt hat der kleine Sattel seine Bedeutung, ist doch ab hier der beliebte Wandergipfel Le Crévasse mühelos erreichbar, und auch die Höhenwanderung nach La Tzoumaz um einiges kürzer. So sind auch an diesem nebligen Morgen ein gutes Dutzend Wanderer ausgestiegen…
…bevor sich der Bus wieder auf seine 1000-Höhenmeter-Talfahrt macht. Die Strasse ist schmal und teilweise etwas exponiert im steilen Bergwald, vor allem aber in einem schlechten Zustand – jährlich werden die gröbsten Risse geflickt und einzelne abgestürzte Leitplanken erneuert… Für das kleine und wendige PostAuto ist die Strasse hingegen keine besondere Herausforderung, zumal der Fahrplan die nötigen Reserven beinhaltet.
Die zweite „Kurze“ Überlandlinie führt ab Martigny nach Ravoire, einem Teil der Gemeinde Martigny-Combe. Die Streusiedlung erstreckt sich über etwa 2 Kilometer und 200 Höhenmeter am Osthang des Mont de l’Arpille und besteht heute vor allem aus neueren Chalets und einigen Ferienheimen. Der Bus ist unterwegs talwärts zwischen den Haltestellen Colonie und Cretex und hat soeben auch den alten Kern der Streusiedlung passiert. Auch diese Linie wird seit Ende 2021 durch die Regie gefahren.
Während die Strasse nach Ravoire gut ausgebaut ist, führt die Strecke im unteren Teil über eine Nebenstrasse, um die tiefergelegenen Fraktionen der Gemeinde Martigny-Combe zu erschliessen –im Bild ein Volvo 8700, der auf den schmalen Strassen wenig Platz übrig lässt – hier oberhalb des Weilers La Fontaine mit Blick auf Martigny und weiter über die Rhoneebene Nordostwärts.
Die direkte Strasse zwischen Martigny und Ravoire ist den Bussen der Linie Martigny – Trient vorbehalten, welche dabei auch den Ortsteil Sommet-des-Vignes bedienen. Da die Strasse weiter über Col-de-la-Forclaz und Col-des-Montets bis Frankreich führt, ist sie gut ausgebaut und der kleine MAN-Midibus wirkt fast etwas klein…
…hat aber auf der Linie durchaus seine Berechtigung: Nicht nur wegen der abseits des Schüler- und Wanderverkehrs eher geringen Auslastung, sondern auch wegen der Umwege, erschliesst doch die Linie auch einige abseits der Hauptachse gelegene Weiler und Alpsiedlungen. Die schmale Strasse durch Le Fays, wo diese Aufnahme entstand, wird auch im Winter befahren…
…während La Caffe und Les Mayens Basses nur im Sommer angefahren werden. Im Winter führt die Linie deshalb im oberen Teil über die Hauptstrasse und bedient nur die Haltestelle „Drapeau Suisse“ beim gleichnamigen Restaurant. Fast 800 Höhenmeter sind seit Martigny überwunden, entsprechend gut (bei passendem Wetter) die Aussicht über das Rhonetal…
Nach der Überquerung der auf 1‘527 Metern über Meer gelegenen Passhöhe des Col-de-la-Forclaz wird die Aussicht aber keinesfalls schlechter, im Gegenteil: Das Ziel der Linie, das kleine Trient mit seinen 193 Einwohnern, liegt in einem Talkessel mit wunderebarer Aussicht auf den Glacier du Trient und die umliegenden Gipfel. Im Winter ist das Tal auch kaum touristisch erschlossen, gehört es doch zu den wenigen skitechnisch unerschlossenen Talschaften des Kantons… Der Bus hat als einer von vier werktäglichen Kurspaaren in Trient die letzten Schüler ausgeladen und erreicht in Kürze wieder die Passhöhe.
Im Sommer ist im Tal mehr Betrieb – Wanderer, Bergsteiger und viele Auto- und Töfffahrer auf der Durchreise sind dann in Trient zu Gast, wobei die Hauptstrasse immerhin die wenigen Häuser im eigentlichen Dorfkern umfährt. Hingegen befährt das Postauto auch die zentralen Dorfteile, hier bei der Haltestelle Poste vor der 1893 erbauten Pfarrkirche Saint-Bernard.
Im Sommer ist in Trient nicht Endstation: Dann fährt das Postauto dreimal täglich weiter bis Le Châtelard an der Schmalspurbahnlinie Martigny – Chamonix und passiert dabei auch den berüchtigten Felsenkopf „Tete Noire“, welcher über Jahrhunderte die Schlüsselstelle im Handelsverkehr zwischen dem Wallis und Savoyen darstellte. Heute durchquert der Bus den Felsenkopf mühelos im Tunnel – eine Treppenanlage führt ab hier hinunter in die eindrückliche Trient-Schlucht. Früher führte diese Linie – auch sie heute eine Regie-Linie, ursprünglich durch PU TMR und noch zuvor Perrodin bedient – bis zum Lac d’Emosson – dieser zweite Teil der Strecke wird aber schon seit den 2010er-Jahren durch die TMR in Eigenregie gefahren.